Nervenschmerzen werden in der Fachsprache als neuropathische Schmerzen bezeichnet. Sie entstehen als direkte Folge einer Schädigung von Nervenfasern. In diesem Punkt unterscheiden sich neuropathische Schmerzen grundsätzlich von allen anderen Schmerzen. Anders als beim „normalen“ Schmerzerleben entstehen die Schmerzimpulse in der Regel nicht im Bereich der Nervenendigungen von Schmerzfasern in den Geweben des Körpers (nozizeptiver Schmerz). Verantwortlich ist beim Nervenschmerz eine Aktivierung im Verlauf der Schmerzbahn, die vom Ort der Nervenschädigung aus bis zum Gehirn reicht.

Neuropathische Schmerzen haben oft einen brennenden (sehr häufig), bohrenden oder einschießenden Charakter. Die Beschwerden sind manchmal permanent (z.B. bei Polyneuropathie), treten manchmal in Ruhe verstärkt auf (z.B. Phantomschmerz), schießen ein wie ein Strom (z. B. Radikulopathie bei Bandscheibenvorfall), oder „nerven“ in der Nacht und bringen einen um den Schlaf. Manchmal gibt es Auslöser, wie z.B. Kauen oder Zähneputzen bei der Trigeminusneuralgie.

 

Leichter Hautkontakt kann Schmerz auslösen.

Manchmal kann ein Reiz, der normalerweise keinen Schmerz auslöst, wie Wind auf der Haut oder leichtes Streichen über die Haut, einen starken Schmerzreiz auslösen. Oder die Betroffenen können die Bettdecke nachts nicht auf den Füßen ertragen. Sowas nennt man Allodynie.
Oft besteht eine Hyperalgesie, das bedeutet, Schmerzreize werden überdurchschnittlich stark wahrgenommen.

 

Je nach Ort der Schädigung, sehen die verschiedenen neuropathischen Schmerzen ganz anders aus.

Ist ein peripherer Nerv geschädigt, ist die Störung im Versorgungsgebiet dieses Nerven. Liegt ein Zentraler Schmerz nach Schlaganfall vor, ist die Störung im Gehirn und der ganze Körper kann schmerzen. Bei der Polyneuropathie bei Diabetes oder anderen Ursachen, sind die kleinen Nerven in den Füßen geschädigt, die Beschwerdelokalisation zeigt sich strumpfförmig an beiden Unterschenkeln. Bei der Trigeminusneuralgie schießt ein Ast des Nervus Trigeminus, der das Gesicht versorgt.

 

Neuropathischer Schmerz: Was gehört dazu?

Posttraumatische Neuralgie
Trigeminusneuralgie
Post-Zoster-Neuralgie
Polyneuropathie
HIV-Neuropathie
Phantomschmerz
Zentral neuropathischer Schmerz nach Schlaganfall
Zentral neuropathischer Schmerz nach Rückenmarkschädigung
Zentral neuropathischer Schmerz bei Multipler Sklerose
CRPS (komplexes regionales Schmerzsyndrom, früher auch als Morbus Sudeck bezeichnet)

 

Diagnostische Abklärung

Die Diagnose „neuropathischer Schmerz“ kann mit umso größerer Sicherheit gestellt werden, je mehr übereinstimmende Hinweise auf eine Nervenschädigung im Rahmen der Untersuchung und Befragung des Patienten gefunden werden.
Wie immer ist eine gute Anamnese wichtig. Beim neuropathischen Schmerz ganz besonders, damit die Richtigen apparativen diagnostischen Mittel ausgesucht werden können.
Die Abklärung sollte immer eine körperliche und klinisch-neurologische Untersuchung mit Prüfung der Hautempfindlichkeit, Reflexe und Muskelkraft beinhalten.
Sie kann durch eine Schmerzzeichnung, Schmerzfragebögen und weitere Spezialtests ergänzt werden.
Zu diesen Tests für die Funktion von Nervenfasern verschiedener Gewebe gehören beispielsweise:

QST = quantitative sensorische Testung zur Prüfung der Hautempfindlichkeit
Neurographie = Bestimmung der Nervenleitgeschwindigkeit
SEP = somatosensibel evozierte Potenziale zur Prüfung der gesamten Gefühlsbahn von der Haut über das Rückenmark bis ins Gehirn.

 

Oft werden darüber hinaus moderne bildgebende Verfahren eingesetzt

Zum Beispiel die Computertomografie (CT) oder die Magnetresonanztomografie (MRT, auch als Kernspintomografie bezeichnet). Sie können eine Nervenschädigung direkt sichtbar machen. Ein Beispiel hierfür ist eine MRT der Lendenwirbelsäule, die zeigt, dass ein Bandscheibenvorfall eine Nervenwurzel einengt.

 

Die Behandlung von Nervenschmerzen gestaltet sich oft schwierig…

..sofern keine Operation zur Entlastung des betroffenen Nervs möglich ist. Die Therapie ist oft sehr mühselig und frustran.
Ist ein Nerv kaputt, kann er nicht, oder nur teilweise, in seiner Funktion wiederhergestellt werden.
Schmerzfreiheit kann nur in den seltensten Fällen erreicht werden. Daher sollen realistische Behandlungsziele vor Therapiebeginn gemeinsam mit dem Patienten besprochen werden.

Als realistische Behandlungsziele gelten gemäß der Leitlinie zur Therapie neuropatischer Schmerzen der Deutschen Schmerzgesellschaft

eine Schmerzminderung um >30-50%
eine Verbesserung der Schlafqualität
eine Verbesserung der Lebensqualität
der Erhalt der sozialen Aktivitäten und Beziehungen
der Erhalt der Arbeitsfähigkeit

 

Die Therapie neuropathischer Schmerzen gründet sich vor allem auf eine für jeden einzelnen Menschen individuell abgestimmte Behandlung mit Medikamenten.

Sie soll die Beschwerden lindern, bis sich der geschädigte Nerv zumindest erholt hat und die schmerzauslösenden Aktivitäten des Nerven eingedämmt werden. Nicht-medikamentöse Verfahren können ergänzend eingesetzt werden. Darüber hinaus können im Einzelfall, je nach Ausprägung der Beschwerden, physikalische Maßnahmen, Ergotherapie und Psychotherapie sinnvoll sein.
Medikamente der ersten Wahl sind Pregabalin (Lyrica) und Gabapentin. Als zweite Wahl nimmt man Opioide, Trizyklische Antidepressiva, Antikonvulsiva. Außerdem gibt es lokale Anwendungen für das schmerzhafte Areal auf der Haut.

Zur Therapieoptimierung ist eine Vorstellung beim Neurologen und Schmerztherapeuten sinnvoll. Diese Fachärzte können zusammen mit Patient und Hausarzt die für den Betroffenen optimale Therapie abstimmen. Der Hausarzt sollte in jedem Fall mit einbezogen werden, da er den Patienten oft besser und länger kennt. Ebenso die Familie, die unter dem Nervenschmerz eines Angehörigen manchmal genauso leidet wie der Betroffene selbst.