Heute schreibe ich über ein Thema aus der Sportmedizin. Fast jeder Sportler hatte schon einmal eine Muskelverletzung. Im Focus stehen in diesem Beitrag die indirekten Muskelverletzungen. Das bedeutet solche, die ohne große Einwirkung von außen entstehen.
Verletzungen des Skelettmuskels gehören mit bis zu 55% zu den häufigsten Sportverletzungen überhaupt. Es kommt zu einem Missverhältnis von Belastung und Belastbarkeit.

 

Aufbau des Muskels

Der Skelettmuskel kann einfacherweise in 2 große Komponenten unterteilt werden. Die kontraktilen Myofibrillen und das umgebende Binde- und Stützgewebe. Das Bindegewebe um den gesamten Muskelbauch, das Epimysium,  ist die kräftigste der Bindegewebsstrukturen. Das innerhalb des Muskelbauchs liegende Perimysium bildet Faszikel und umfasst 10 bis einige hundert Muskelfasern. Dabei wird jede einzelne Muskelfaser durch eine weitere hauchdünne Bindegewebsschicht, dem Endomysium umgeben. Das Bindegewebe enthält Blutgefäße und Nerven und verleiht dem Muskel Zug- und Druckfestigkeit sowie Stabilität. Die Bindegwebskomponenten vereinigen sich am Ende des Muskels zur Sehne.

 

Einteilung der Schweregrade der Verletzung nach Müller-Wohlfahrt

Überlastungsbedingte Muskelläsionen
– Typ 1A: ermüdungsbedingte schmerzhafte Muskelverhärtung
– Typ 1B: „Muskelkater“ oder auf schlau DOMS (delayed onset muscle soreness)

Neuromuskuläre Muskelläsionen
– Typ 2A: Rückenmarkbedingt
– Typ 2B: Muskelzerrung

Partieller Muskelriss
– Typ 3A: Muskelfaserriss
– Typ 3B: Muskelbündelriss

Stärkere Verletzungen
– Typ 4: totaler oder subtotaler Riss, sehniger Ausriss

 

Verletzungsmuster

Vor allem in Sportarten mit Sprint- und Sprungkomponenten kommen häufig akute Muskelzerrungen vor, die durch traumatische, plötzlich exzessive oder chronische Überbelastung und Muskeldyskoordination hervorgerufen werden. Vor allem Exzentrische Bewegungen scheinen Verletzungen zu begünstigen. Die Verletzungen treten häufig an den Muskel-Sehnen-Übergängen auf und bevorzugen Muskeln, die über zwei Gelenke ziehen (Rectus femoris, Wadenmuskeln, Hamstrings).

 

Heilungsprozess

Wie bei anderen Heilungsprozessen auch wird ein Ersatzgewebe gebildet. Im Prinzip verläuft die Heilung in drei teils überlappenden Schritten ab. Nach Zerstörung von Muskelzellen erfolgt der Abbau des zerstörten Gewebes. Eingerissene Blutgefäße schwemmen Entzündungszellen ein und es kommt zu einer Interaktion vieler Gewebefaktoren (Destruktionsphase). Danach kommt die Reparaturphase. Hier werden Muskelfasern neu gebildet, Bindegewebe narbig neugebildet, und neue Blutgefäße gebaut. Anschließend kommt es zu Reifung und Reorganisation des Muskels und Wiedererlangen der Funktion (Remodeling).

 

Wie stellt man eine Muskelverletzung fest?

Klar, man fühlt ob was schmerzhaft ist. Passt dann noch der Verletzungsmechanismus ist die Sache schon fast klar. Der Arzt schaut sich die Verletzung an, palpiert und testet Funktion und Schmerzhaftigkeit.  Ultraschall ist die Methode der Wahl, um das Ausmaß der Verletzung zu erfassen. Denn maßgeblich für das klinische Bild ist die Größe des Blutergusses. Zunehmend wird auch das MRT zur Diagnostik der Muskelverletzungen eingesetzt. Dies hat aber den Nachteil, dass man oft lange auf einen Termin warten muss, der Ultraschall ist meist sofort verfügbar, hat aber den Nachteil, dass der Untersucher einige Erfahrung mitbringen muss. Beim MRT sollte der Kostenfaktor bedacht werden. Es hat nur Mehrwert, wenn eine höhergradige Muskelverletzung evtl. mit Sehenausriss oder Ähnlichem vermutet wird.

 

Akutbehandlung

Alle Weichteilverletzungen werden nach der PECH-Regel behandelt: Pause, Eis, Compression, Hochlagerung. Hierdurch wird die Einblutung ins Gewebe reduziert. Das Hauptproblem ist die richtige und konsequente Umsetzung. Wendet man das Ganze falsch an, kann die Therapie kontraproduktiv wirken. Eispacks sollten kühlschrankkalt und nicht „eis“kalt sein. 20 min reicht. Ein Kompressionsverband wird innerhalb der ersten Stunde begonnen und für ca. 1 h belassen. Danach kann leichte Kompression auch länger erfolgen. Hochlagerung dient auch dazu, den Blutfluss zu drosseln. Immobilisiert wird anschließend mit Tapes oder Casts.

 

Insgesamt lautet das Leitprinzip der meisten Verletzungen: „Muskelverletzungen heilen konservativ!“

Die Heilung beginnt 3 – 5 Tage nach Verletzung und hat eine Spitze um die 2. Woche. Es wird eine frühe Mobilisation empfohlen, da das den Heilungsprozess begünstigt. Nach 5 – 10 Tagen wird der Übergang von Immobilisation zu Mobilisation empfohlen. Dies muss individuell entschieden werden. Je nach Schwere der Verletzung ist die Regenerationszeit unterschiedlich. Bei der Muskelzerrung muss man 3 – 4 Wochen rechnen, damit sie voll abgeheilt ist. Bei einem Muskelraserriss sind es ca. 4 – 6 Wochen. Bei hochgradigen Muskelrissen kann eine Operation sinnvoll sein, weil früher mobilisiert werden kann. Vor allem bei Muskelrissen, bei denen über 50% des Muskels abgerissen sind, ist eine Op indiziert. Die operative Versorgung chronischer Verletzungen mit altem Narbengewebe zeigt keine zufriedenstellenden Ergebnisse.

Ibuprofen, Diclofenac, Arcoxia, Indometacin und Verwandte (NSAR) zeigen die ersten Tage positive Ergebnisse.

 

mit Eigenblut die Heilung beschleunigen

APC heißt das Zauberwort: Autologes conditioniertes Plasma. Hier wird ca. 10 ml Eigenblut entnommen und zentrifugiert. Das Blutplasma trennt sich dabei von den roten Blutkörperchen. Das Plasma wird direkt in die verletzte Stelle zurück gespritzt. Die Thrombozyten im Plasma sind durch den Schleudergang der Zentrifuge aktiviert und die Wachtumsfaktoren fördern die Wundheilung enorm. Diese Behandlung wird von den Krankenkassen nicht bezahlt, aber auch von ambitionierten Hobbysportlern immer häufiger verlangt. In Sportmedizinischen Zentren ist es ein fester Bestandteil der Therapie. Erwähnenswert ist, dass es ein umstrittenes Präparat aus Kälberblut gibt, welches ähnliche Eigenschaften hat. Dies hat in Deutschland jedoch keine Zulassung für die Therapie der Muskelverletzung.  Es muss aus Österreich oder der Schweiz importiert werden. Eine Straftat ist die Verabreichung nicht, die deutsche Nationalmannschaft soll regelmäßig dieses Medikament bei Muskelverletzungen erhalten haben. Jedoch muss das Nebenwirkunsprofil beachtet werden und mit den Patienten besprochen werden.

 

Die Rückkehr zum sportspezifischen Training: eine Frage, die sofort von jedem Sportler gestellt wird.

Die Wiederaufnahme des sportspezifischen Trainings ist oft verfrüht. Jeder Sportler will natürlich den Trainingsausfall so gering wie möglich halten. Zwei einfache Grundsätze können zur Entscheidungsfindung genutzt werden. Der Muskel sollte sich so dehnen können wie derselbe gesunde Muskel der Gegenseite. Zweitens sollte der verletzte Muskel bei einfachen Bewegungen schmerzfrei benutzt werden können. Sind diese beiden Dinge erfüllt, kann das Training stufenweise aufgebaut werden. Dabei muss der Sportler durch Sportmediziner, Sportphysio oder Trainer im Auge behalten werden. Außerdem darf man die psychische Komponente nicht vergessen. Für den Sportler ist es frustrierend wenn wochenlanges Training für die Katz waren und der wichtige Wettkampf abgesagt werden muss.

 

Komplikationen

Bei zu frühen Belastungen kann es zu Rerrupturen oder erneuten Mikrorupturen kommen. Eine seltene, aber gravierende Komplikation ist die Myositis ossificans. Hier kommt es zu einer Entzündung und späteren Verknöcherung des Muskels.

 

Vorbeugung

Zur Prävention ist ein gezieltes Krafttraining effektiv, das es Muskel-Dysbalancen ausgleicht. „Core exercices“ oder Stabi-Kreis sind gut geeignet. Dabei werden die Muskelketten unter Betonung der Rumpfmuskulatur nur unter Einsatz des Körpergewichtes trainiert. Dadurch wird vor allem „Muskelkater“ vorgebeugt. Muskelkater ist eine echte Verletzung der kontraktilen Struktur im Muskel, die zwar nur im Mikroskop gesehen werden kann, aber vorhanden ist. Trainiert man bei starkem Muskelkater munter weiter, kann daraus eine höhergradige Verletzung entstehen. Faszientraining und ein gutes Dehnprogramm, das an der richtigen Stelle des Trainingsplanes stehen soll, sind ebenso unerlässlich.

 

Fazit

Muskelverletzungen heilen in der Regel von selbst schnell und gut ab und sind bei Hobbysportlern mit guter Akutbehandlung und Tape meist problemlos zu beherrschen. Bei Leistungssportlern und ambitionierten Hobbysportlern sowie Nachwuchsathleten ist eine differenziertere Therapie durch einen Experten nötig, da eine Fehlbehandlung nicht selten zum vorzeitigen Karriereabbruch führt.